Kinder spüren, was ihnen guttut

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„Kann ich mir eine rote Matte zum Arbeiten holen?“, fragt mich eine Schülerin aus meinem ersten Schuljahr, nachdem sie nun 15 Minuten an ihrem Platz saß, arbeitete und nicht mehr kann. Die Konzentration fällt ab, sie sackt auf ihrem Platz zusammen und hält sich beim Schreiben den Kopf. Jetzt steht sie auf und holt sich eine Matte. Diese legt sie auf den Boden und platziert sich bäuchlings darauf - plötzlich geht es wieder mit der Konzentration und Schreiberei.

Studien belegen1, dass zu langes Sitzen zu Bewegungsmangel, Haltungsschäden, Konzentrationsabfall und Übergewicht führen.

Freute man sich doch im Kindergarten über quirlige Kinder, die „bewegt“ durch den Garten flitzten und in Matschhose und mit Gummistiefeln bei Wind und Wetter an der frischen Luft spielten, so verlangt man von den gleichen, nun aber Schulkinder und ein halbes Jahr später, dass sie eine Doppelstunde auf dem Stuhl sitzen und aufmerksam dem Unterricht beiwohnen. Die Folge: Zappelige Erstklässler, die ständig fragen, ob sie auf die Toilette dürfen.

Schule muss sich verändern! Wir müssen Anlässe schaffen, um in Bewegung zu lernen - dazu gehört die Flitzepause genauso wie Bewegungsstunden auf dem Schulhof und Bewegungsspiele im Klassenzimmer.

Auch der Boden kann als Lernort dienen, etwa durch Bodenmatten, Sitzkissen oder Teppiche. Vor allem Kinder im Alter bis 12 Jahren profitieren davon. Sie abeiten sehr gerne bodennah, ob bäuchlings liegend, im Sitzen, Stehen oder Hocken. Sie tun damit automatisch das, was ihnen guttut, denn in dieser Lebensphase organisiert sich die neuronale Vernetzung. Dazu braucht das Gehirn ständig muskuläre Impulse. Am Boden gelingt das bestens: Die Kinder können jederzeit, intuitiv und ohne Einschränkung ihre Position verändern. (Quelle: Grundschule 04/2018)

Um dies zu ermöglichen, praktizieren wir Bewegungspausen in unterschiedlichster Form und haben an der Schlossschule u. a. Bodenmatten und Sitzkissen angeschafft, damit Positionswechsel möglich werden. In jedem Klassenzimmer hängen sie und sind für die Schulkinder griffbereit.

Und es ist erstaunlich: Besonders diejenigen, die als zappelig und unruhig gelten, holen sich diese „Werkzeuge“ - denn Kinder wissen genau, was ihnen guttut!

Langes diszipliniertes Sitzen ist eine „Marotte“ der Erwachsenen - völlig gegensätzlich dessen, was Kinder tun.

Wir brauchen wechselnde Lernstandorte, aktive Lernszenarien und bewegtes Sitzen - Signale in die richtige Richtung, für eine aktive und gesunde Gesellschaft.

1 http://www.psyheu.de/6169/langes-stillsitzen-schule-schaedlich/


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Julia Wollenhöfer

Schulleiterin & Rektorin der Schlossschule Immendingen
2003-2015: Grundschullehrerin
2015-2018: Didaktische Leiterin der Exzellenten Deutschen Auslandsschule Rio de Janeiro (Brasilien, Preisträgerin des Deutschen Schulpreises 2017)
2018-heute: Schulleiterin & Rektorin der Schlossschule Immendingen
Sprachen: Deutsch, Englisch, Portugiesisch, Französisch

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